Interview, Lesenswert Schiedsrichter Jochen Drees im Gespräch
Über Grautöne und Superzeitlupen
Die Welt der Schiedsrichter – für viele Fußballfans ist sie immer noch fremd. Oft werden sie gescholten, nur selten wird den Unparteiischen der Respekt gezollt, der ihnen gebührt. Es ist also höchste Zeit, Licht ins Dunkel zu bringen: Bundesliga-Schiedsrichter Dr. Jochen Drees vom SV Münster-Sarmsheim stellte sich unseren Fragen. Nach zahlreichen Einsätzen in der zweiten Spielklasse pfeift der Allgemeinmediziner seit der Saison 2005/2006 auch Spiele der 1. Bundesliga. Im DFB-Pokal-Finale 2006 gehörte er dem Schiedsrichterteam um Herbert Fandel an. Mit über 90 Einsätzen in drei Jahren zählt Jochen Drees zwar nicht zu den aktivsten, aber (glaubt man der Benotung des “kicker”) zu den besten Schiedsrichtern Deutschlands. Im flankengeber-Interview gibt er spannende Einblicke in die Welt der Unparteiischen und spricht über Proteste, Schwalben und – natürlich – den Videobeweis.
flankengeber: Vor zwei Wochen schickten Sie den Hamburger David Jarolim wegen einer Unsportlichkeit zurecht vom Platz. Wie schaffen Sie es, in solchen Situationen noch den Überblick zu behalten? Dr. Jochen Drees: Da gibt es für uns Schiedsrichter gewisse Grundsätze beziehungsweise Automatismen. Erstens ist es immer ganz wichtig, den Verursacher eines solchen Rudels zu verinnerlichen, zweitens hat jeder Einzelne nach Absprache im Schiedsrichter-Team eine bestimmte Aufgabe zu übernehmen. Der Schiedsrichter zum Beispiel beobachtet die Szenerie, Assistent Eins geht zwischen die Streithähne, Assistent Zwei und Vierter Offizieller beobachten aus einer jeweils anderen Richtung das Geschehen. Andere Teams legen zum Beispiel fest, dass Assistent Eins die Heimmannschaft und Assistent Zwei die Gastmannschaft (beziehungsweise die entsprechenden Beteiligten) beobachten. Zusammengefasst: Jedes Schiedsrichterteam geht da nach anderen, aber in der Regel festgelegten Mechanismen vor. Für mich ganz wichtig: “In der Ruhe liegt die Kraft!”
Haben Sie eigentlich Einfluss auf die Sperren der Spieler, beispielsweise die, die der DFB gegen Jarolim verhängen wird? Nein. Die Dauer der Sperren ist Sache des Sportgerichts.
Fußball-Schiedsrichter ist ein außergewöhnlicher Job. Wie kamen Sie dazu? Nach dem Ende meiner aktiven Fußballerkarriere habe ich mich mit Tennis und Joggen fit gehalten. Dann hat mich eine Knieverletzung außer Gefecht gesetzt. In der Rekonvaleszenz habe ich dann zufällig einen Artikel über meinen Kollegen Markus Merk gelesen, den ich sehr interessant fand. Zwei Wochen später hat die Schiedsrichter-Vereinigung in Bingen eine Anzeige in der Zeitung geschaltet und um Anwärter für einen Schiedsrichter-Lehrgang geworben. Spontan habe ich mich dazu angemeldet und dann ging’s los!
Neunundneunzig Prozent der 80000 Fußball-Schiedsrichter in Deutschland kommen nicht über die Oberliga hinaus. Was war ihr Erfolgsrezept? Beharrlichkeit, Glauben an die eigenen Stärken, Kritikfähigkeit und Geduld. Wichtig für Nachwuchs-Schiedsrichter: Sich von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen lassen.
Haben Sie eine Karriere als Profi-Fußballer nie in Betracht gezogen? Dazu hat mir das fußballerische Talent gefehlt!
Auf dem Platz gibt es häufig Reklamationen und Beschwerden von Spielern. Gerät man da nicht manchmal in Versuchung, den Protesten nachzugeben? In keinem Fall. Man nimmt vernünftige Reklamationen und Kritik zwar ernst, aber meine Aufgabe ist es, schnell und nach bester Wahrnehmung und Gewissen zu entscheiden. Man stelle sich vor, der Schiedsrichter würde vor seiner Entscheidung immer zuerst die Spieler oder Trainer nach deren Meinung fragen.
Bei Heimspielen kommen dann noch die lautstark protestierenden Fans hinzu. Wie schaffen Sie es, immer die Neutralität zu bewahren? Ohne Neutralität könnte ich diesen Job gar nicht machen. Dies ist für mich das oberste Gebot beziehungsweise der wichtigste Grundsatz bei meinen Spielen. Es ist manchmal wirklich so, dass ich in Spielen nur die unterschiedlichen Farben im Kopf habe, zum Beispiel “Rot hat jetzt Einwurf” oder “Freistoß für Grün”. Dabei ist es mir dann egal, ob es sich um Bremen, Dortmund oder Bayern handelt. Weiterhin nehme ich bei Spielen in den Bundesligen eigentlich nur die Atmosphäre als Ganzes war, nicht die einzelnen Proteste. Schließlich bin ich in der Regel von der Richtigkeit meiner Entscheidung ja überzeugt, auch wenn es den Fans nicht immer gefällt.
Manchmal merkt man nach dem Spiel sicherlich, dass man eine Situation nicht korrekt bewertet hat. Wie kommen Sie als Unparteiischer damit zurecht, wenn Sie merken, dass Sie eine wichtige – vielleicht sogar spielentscheidende – Szene falsch gepfiffen haben? Wenn dies der Fall ist, kann ich ehrlich sagen, dass die dann folgenden Tage nicht einfach sind. Ich beschäftige mich immer wieder mit den Fragen nach dem Warum und wie ich die Situation hätte besser beurteilen können. Wenn ich vor dem Spiel auf den Platz gehe, dann sage ich grundsätzlich zu meinen Kollegen, dass unser Ziel sein muss, dass wir mit unseren Entscheidungen nie für das Endergebnis verantwortlich sein dürfen. Wenn dies dann klappt und wir keine großen „Böcke“ geschossen haben, freut man sich natürlich.
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